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Kolumne Nr. 18 - Besondere Begegnungen

Von der Seite her mustere ich unauffällig meinen Sitznachbarn. Gerade ist er dabei, sich im engen Sitz einzurichten und versucht dabei, möglichst ohne mich anzustossen, seine Sachen im Fach vor sich einzuräumen. Sein Gesicht wirkt nett und freundliche Augen huschen kurz zu mir hinüber. Ich lächle ihn an und sein Blick kehrt wieder zurück zu mir. Ich stelle mich mit meinem Vornamen vor und erhalte prompt eine Hand zur Begrüssung hingestreckt. So, das wäre also geklärt: Die nächsten Stunden werde ich neben einem sympathischen Menschen verbringen dürfen. Ich versinke dann in meinen Roman und Thömu* schliesst die Augen für ein Nickerchen. Nach einer Weile tauche ich aus meiner spannenden Geschichte auf und bemerke, dass auch Thömu eine Lektüre vor sich hat: Eine Imker-Fachzeitschrift. Aha, etwas Neues für mich, wo ich mich so gar nicht auskenne. Ich frage ihn, ob er den selbst Imker sei. Jawohl, dass sei er schon seit einigen Jahren und es sei eine grosse Leidenschaft von ihm. Mit Begeisterung fängt er an zu erzählen: Von seinen Bienenvölkern, von den Herausforderungen, die damit verbunden sind und warum es gerade jetzt so wichtig sei, sich um die Zukunft der Bienen zu kümmern. Fasziniert folge ich seinen Ausführungen und bewundere den Mann für seine Passion, welche er für sein unterschätztes Hobby lebt. Wir unterhalten uns über das Imker-Sein, über seine Familie, über meine Boutique, über die bevorstehende Reise und gar über politische Themen. In kurzer Zeit wird der Fremde neben mir zu einer spannenden Persönlichkeit und wir merken, dass wir, obwohl wir uns vielleicht nicht ganz überall einig sind, doch sehr sympathisch sind.

Es macht mir Freude, einen mir fremden Menschen, plötzlich mit all seinen Facetten kennen zu lernen. Ich habe in dieser kurzen Zeit viele Dinge lernen dürfen, nicht nur über das Imkern, sondern auch über den Menschen, der da sonst so anonym neben mir gesessen wäre. Wir hätten uns auch Stunden anschweigen und ignorieren können. Wir wären trotzdem am Ziel angekommen. Wir hätten uns nicht einmal verabschieden müssen. Ja, manchmal darf auch dies sein. Doch es macht einfach mehr Spass, wenn man in die Welt einer anderen Person mit eintauchen darf. Es erweitert den Horizont beider Gesprächspartner und gibt einem das Gefühl, dass man gesehen wird.

Nun ist bereits Adventszeit mit vielen Familientreffen, Büro-Feiern, Vereinsanlässen und ist manchen von uns schon fast zu viel. Doch was, wenn man keine Familie mehr hat? Wenn man kein Team hat, mit dem man Essen gehen kann? Wenn man keinem Verein oder Chor angehört? Wenn man einsam ist und man in dieser Zeit mehr als je zu spüren bekommt, dass man allein unterwegs ist? Vielleicht fällt es einem schwer, auf andere Menschen zuzugehen. Vielleicht ist man eher introvertiert oder scheu. Was wenn man schlechte Erfahrungen gemacht hat und sich der Gesellschaft nicht angehörig fühlt? Was, wenn man sich nicht gesehen fühlt?

Nehmen wir uns in der Weihnachtszeit doch einmal Zeit, mit den Menschen um uns herum in Kontakt zu kommen. Es braucht nicht viel, ausser einem netten Wort, einem ehrlichen Kompliment oder einer hilfsbereiten Geste. Wann haben wir zum letzten Mal der Dame an der Kasse ihren Namen genannt? Ja, sie trägt immer ein Namensschild. Wann haben wir zum letzten Mal jemandem geholfen, die schweren Einkäufe die Treppe hochzutragen? Wann haben wir zum letzten Mal jemanden aus echtem Interesse gefragt, wie es ihm geht? Fangen wir doch jetzt im alten Jahr noch damit an, dann können wir es im Neuen bereits umso besser! 😊

Ich wünsche euch allen von ganzem Herzen frohe und besinnliche Weihnachtstage und mögen euch stets Begegnungen der besonderen Art geschenkt sein.

Auf bald im neuen Jahr, eure Christine


*Name geändert

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