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Kolumne Nr. 8 - Am Bächlein

Es ist ein wunderschöner Sonnentag. Mein Spaziergang führt mich an einem Bächlein vorbei, welchem ich schon zig Mal gefolgt bin. Jedoch hingesetzt, um dem Wasser beim Fliessen zuzusehen, habe ich mich an dieser Stelle, auf der kleinen Brücke, noch nie. Doch auf meinem letzten Spaziergang hat mich das quirlige Flüsschen so richtig angezogen. So habe ich mich auf das steinerne Mäuerchen gesetzt und dem fröhlichen Plätschern des Wassers zugeschaut. Mal klar und fliessend, mal beinahe stillstehend und trüb oder gar sprudelnd und wild: Das Wasser nimmt in seinem Fluss unterschiedlichste Formen an: Es fliesst über Steine und Moos, zieht lose Blätter und widerspenstige Ästchen mit, es rauscht, plätschert oder ist ganz still. Es fragt nicht nach dem Weg oder würde lieber einen Anderen einschlagen, sondern gibt sich ganz im Vertrauen dem Bachbett hin. Es fragt auch nicht, ob es wohl richtig ist, dass es jetzt gerade hier ist oder hadert, weil es lieber wärmer oder kühler wäre. Es zögert nicht, einen Stein zu umspülen oder hat Angst, wenn der Fluss plötzlich über eine Schwelle führt. Es kann auch nicht sehen, ob die Strömung in ein paar Metern stärker oder schwächer wird. Es weiss nicht, ob es bald zu Eis gefriert oder zu einem schalen Tümpel wird. Es hat keine Wahl: Es muss der Natur und dem Weg, den es bestimmt ist zu nehmen, folgen.


Dieses kleine Bächlein hat sich für mich wie ein Spiegel unserer Zeit offenbart und mir auf vielseitigste Weise ein wenig Ruhe und Klarheit geschenkt. Die Natur spielt nicht nach unseren Regeln und Wünschen. Wir fühlen uns ausgeliefert, machtlos und manchmal gar ohnmächtig. Wir flüchten in Angst, Trotz und Verzweiflung. Wir ärgern uns und werden gar aggressiv. Wir möchten gerne kontrollieren, steuern und planen. Wir sehnen uns nach Sicherheit und den «guten alten Zeiten».

Doch eigentlich sind wir wie das Wasser im Flüsschen, welches nicht weiss, was hinter der nächsten Biegung auf es wartet: Auch wir wissen nicht, was in den kommenden Monaten geschieht. Doch wenn wir uns nicht verhärten, sondern jedem Tag offen entgegentreten, uns stets auf das Neue einlassen und mit Vertrauen vorwärtsblicken, dann können auch wir, trotz der besonderen Umstände, uns im quirligen Plätschern oder vertrauensvollen Fliessen üben. Ob wir als beruhigendes Bächlein, mitreissender Strom oder als kraftspendender See unterwegs sind, spielt dabei keine Rolle.


Wer weiss, vielleicht treffen wir uns ja bald einmal am kühlen Bächlein? Erfrischende Grüsse, Deine Christine

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